Der frühe Vogel – Drei Zinnen und Innerfeldtal, Tag 5

Brav habe ich am Abend die Hüttennachtruhe um 22 Uhr eingehalten. Bin in den sardinenbüchsenartigen Schlafraum geschlichen, habe das Nötigste ausgezogen und mich in den Hüttenschlafsack gewickelt.

Meine Ohrenstöpsel habe ich irgendwo in meinem Rucksack vergessen – zu spät. Ein Nochmaldrankommen ist undenkbar.

Lange denke ich noch über den Wandertag nach, lausche den erstaunlichen Geräuschen der 14-15 anderen Bergfreunde und Bergfreundinnen hier im Raum. Das Einschlafen fällt mir schwer. Es ist aber wesentlich ruhiger als ich dachte. Niemand schnarcht durchgehend laut (ich natürlich ganz sicher auch nicht!) und jeder ist um Ruhe bemüht.

Ich kann überhaupt nicht sagen wie lange ich eigentlich geschlafen habe. Ich war oft und lange wach – ob ich länger wach war als ich geschlafen habe? Möglich!

Es mag etwa 5:00-5:15 Uhr sein, als ich das goldene Licht im einzigen und winzigen Fenster am Ende des Raumes wahrnehme. Ich kann sogar Menschen am Fuße des Paternkofels sitzen sehen. Ich muß nach draußen! Ich schäle mich aus dem Schlafsack, schnappe meinen Rucksack und meine Klamotten und schleiche so leise es geht aus dem Raum. Eine Katzenwäsche mit unfassbar frischem und kaltem Wasser muss heute genügen – Hygiene wird in der Bergen überbewertet.

Ich such Kamera und Handy aus dem Gepäck und gehe nach draußen – noch in Schlappen.

Der Paternkofel ist schon vollständig in goldenes Licht getaucht. Seine Zacken und würstchenartigen Türme (ja, ein grotesker Turm wird tatsächlich als „Frankfurter Würstchen“ bezeichnet) leuchten hell. Die Drei Zinnen sind erst zum Teil in Sonnenlicht getaucht.

Es ist so frisch, ruhig und friedlich hier. Eine Nonne mit ihren jugendlichen Schützlingen sitzt ruhig auf einem Felsvorsprung und heißt den neuen Tag willkommen.

Die Ruhe, das Licht und der atembare Frieden in der Luft treiben mir die Tränen in die Augen. Wie großartig!


Ich sitze über 1 1/2 Stunden hier draußen, schaue zu, wie die Berge langsam erwachen. Es meldet sich der Hunger, pünktlich um kurz vor 7 Uhr, zum Frühstück.

Heute geht es etwas ruhiger zu. Das Frühstück zwischen all den unterschiedlichen Leuten ist reichlich und ein guter Start in einen neuen Wandertag.

Ich bin mir noch nicht so recht sicher wo mich der Tag heute hinführen soll. Vielleicht die Zinnenumrundung? Abstieg zum Misurina See? Nein, ich werde durch das Innerfeldtal absteigen.

Nach dem ich gemütlich gefrühstückt habe mache ich mich bereit für den Wandertag. Es geht nun von der Dreizinnenhütte in westlicher Richtung unterhalb des Sextnerstein in Richtung Gwengalpenjoch.

Auf den Weg dorthin bieten sich immer wieder faszinierende Blicke auf die Drei Zinnen mit dem Rienzboden darunter.

Es geht langsam etwas kräftiger in die Höhe. Es wird der wohl letzte spürbare Anstieg heute sein.

Auch das Gwengalpenjoch war einer dieser schwer umkämpften Orte hier in den Sextner Dolomiten. Nicht zu übersehen sind die Ruinen der österreichischen Verteidigungsanlagen und die Geländeveränderungen.


Oft findet man noch Stacheldraht, verrostete Konservendosen und Bleche, die von den Geschehnissen zeugen. Manchmal hat man den Eindruck, die Soldaten wären gerade erst abgezogen. Wie muss das wohl im Winter gewesen sein? Bei Kälte und Schnee in dieser unwirklichen Umgebung?

Noch geht es recht flach dahin. Den Weg muss man im Auge behalten – hier habe ich mich schon Mal verlaufen. Den Weg erkennt man lediglich an den hier und da vorhandenen rot-weiß-roten Streifen auf markanten Steinen.

Der Weg wird nun steiler, führt durch tiefe Rinnen und Furchen, die nicht natürlichen Ursprungs sind.

Der Pfad ist wirklich spannend. Hier und dort muss man etwas Trittsicherheit beweisen. Besonders tief abstürzen kann man allerdings nicht.

Hier ist man meist völlig alleine unterwegs. Die Ruhe ist bezaubernd.

Mit Blick in das Innerfeldtal bekommt man besonders markant die Rückseite des Haunolds zu sehen. Von hier wirkt er mit seinen zahllosen Spitzen wie geradewegs einer Filmkulisse entnommen.


Kurze steilere Stufen wechseln mit flacheren Ebenen ab. Blickt man aus dem Tal heraus zeigen sich sogar die Zentralalpen.

Langsam ändert sich auch die Pflanzenwelt. Zwischen Fels und Geröll übernehmen nun immer mehr Gras, Sträucher und Blümchen die Oberhand.

Mit abnehmender Höhe steigen auch die Temperaturen.


Ich erreiche die Baumgrenze und bin froh um etwas mehr Schatten. Der Pfad ist bisweilen etwas kniffelig, aber nicht übermäßig gefährlich. Der ein oder andere Tiefblick sollte aber nicht unbedingt für Panik sorgen.

Ein so langer Abstieg ist schon sehr anstrengend. Mir kommen einige wenige andere Wanderer entgegen. Besonders auch einige ältere Herren. Unglaublich – sie gehen sehr langsam aber schnaufen nicht mal beim Aufstieg.

Zwischendrin gibt es ein paar gemeine Felsstufen – die Knie danken einem hierbei den Einsatz der Wanderstöcke.

Ich kreuze einen Bergbach, der von weit oben wild rauschend in das Tal drängt. Ich nutze die Chance und erfrische mich etwas. Das Wasser ist schätzungsweiße 5 Grad kalt.

Ich erreiche nun langsam den Talgrund und bin sehr froh endlich halbwegs horizontalen Boden unter den Füßen zu haben. Über das breite, weiße und zum Großteil trockenliegende Bachbett geht es talauswärts. Etwas Schatten tut nun gut.



   

Durch einen schönen Latschenkiefernwald geht es dahin. In der Ferne kann ich dann bald schon mein heißersehntes Ziel sehen – die Dreischusterhütte.

Hier kehre ich ein und stärke mich kräftig. Ein Skiwasser und eine köstliche Knödelroulade wecken meine Lebensgeister nach dem 1.000 Höhenmeter Abstieg. 

Es fällt mir etwas schwer mich wieder aufzuraffen, starte aber dann doch den letzten Weg in Richtung Talausgang. 

Unterwegs ergibt sich noch ein Blick über das lange Schuttkarr auf die 3.145 m hohe mächtige Dreischusterspitze.

Zwei Wandertage gehen somit zu Ende. Ich werde die beiden Tage sicher noch lange in Erinnerung behalten. 

Mal sehen, wohin mich meine Füße morgen tragen werden!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s